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Update: 02. November 2017, 08:25 Uhr

Wie Obdachlose in Heilbronn überleben

Untergruppenbach  Hans Kühlweins Filme behandeln Themen, bei denen die meisten Menschen lieber wegschauen. In seiner neuen Doku erzählen zwei ehemals wohnsitzlose Heilbronner vom Alltag auf der Straße.

Von Julia Weller

Die Mitwirkenden Heiko Grimmeis, Irina Kirschbauer, Cosima Greeven und Wolfgang Bauer präsentierten sich bei der Premiere mit Regisseur Hans Kühlwein. Foto: Ralf Seidel

Er sucht sich immer die schwierigen Themen, nie die seichten Geschichten. “Es reizt mich, die Leute in den Mittelpunkt zu stellen, selbst wenn sie kein schönes Leben hatten”, sagt Hans Kühlwein. Seit er sich vor 50 Jahren seine erste Super-8-Kamera kaufte, dreht der Hobbyfilmer Dokus über “Problemthemen”.

So nennt es der 73-Jährige, wenn er zum Beispiel die Lebensgeschichte eines 15-jährigen Rappers beleuchtet, der als kleines Kind von seinen Eltern ins Heim abgeschoben wurde. Oder wenn er schwerkranke Menschen im Hospiz vor die Linse holt. Oder wenn er, wie jetzt, seinen neuen Film über das Leben von zwei Obdachlosen in Heilbronn vorstellt.

“Damit ist man Freiwild”

Ein Jahr ist es her, dass Kühlwein bei einer Stadtführung auf Irina Kirschbauer und Wolfgang Bauer traf. Beide waren damals in Wohngruppen der Aufbaugilde Heilbronn untergebracht, weil sie keine eigene Wohnung hatten. OFW – ohne festen Wohnsitz – stand in ihren Ausweisen. “Damit ist man Freiwild”, sagt Bauer im Film. Der 50-Jährige zeigt in seinen Szenen den typischen Alltag eines Bettlers: Frühstück und Dusche in der Tagesstätte, abends Bettenbauen unter der Neckarbrücke.

“Der Vorteil dieses Schlafplatzes: Kein Regen und Schnee im Bett, da überdacht. Außerdem kostenloser Weckservice durch die Polizei”, sagt Bauer dazu. Es ist nicht seine reale Geschichte, die er hier erzählt. Aber es ist eine Geschichte, die den Alltag vieler Wohnungsloser glaubwürdig abbildet. “Der Herr Bauer könnte sofort Schauspieler werden”, findet Regisseur Kühlwein. “Aber er will ja höchstens im “Tatort” als Leiche mitspielen.”

Zum Duschen im Schwimmbad

Gar nicht schauspielern musste hingegen Irina Kirschbauer. Die 36-Jährige stellt in Kühlweins Dokumentation “Ohne festen Wohnsitz überleben” ihre wahre Lebensgeschichte nach. Der Film zeigt, wie Kirschbauer 2008 den Ausstieg aus einer Sekte schaffte und fortan in ihrem Auto wohnte. Zum Duschen ging sie täglich ins Schwimmbad, bis eine Mitarbeiterin sie bei sich aufnahm und später zur Aufbaugilde brachte.

Dort erhielt Kirschbauer Beratung, Kleidung und schließlich auch eine Unterkunft. Außerdem begann sie in der Theatergruppe der Aufbaugilde, ihre Geschichte an die Öffentlichkeit zu tragen. Durch den Filmdreh konnte sie ihr Leben auf der Straße noch einmal verarbeiten: “Es hilft mir, einen Schlusspunkt zu machen und mit meinem Leben klarzukommen. Außerdem hat der Dreh unwahrscheinlich viel Spaß gemacht”, erzählt Kirschbauer.

Hinsehen statt wegschauen

Dabei behandelt der Film ein Thema, bei dem die meisten Menschen lieber wegschauen. Kühlweins Film zwingt zum Hinsehen: Vor allem die ruhigen Bilder vom Alltag auf der Straße tun weh. “Mein Ziel war, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Dazu musste ich behutsam mit allen Akteuren umgehen”, erzählt Kühlwein.

Der Filmemacher findet meistens leicht einen Zugang zu den Menschen, die er porträtieren möchte: “Ich habe eigentlich noch nie eine Absage erhalten.” Und das bei einem Lebenswerk von rund 50 Filmen. Für einige seiner Streifen hat Kühlwein schon Preise gewonnen Auch der Film über das Leben der Obdachlosen wird im November beim Landesfilmwettbewerb in Ludwigsburg vertreten sein, Kühlwein macht sich wieder Hoffnungen auf eine Auszeichnung.

Selbstvertrauen und Mut sind wichtig

Eine andere Hoffnung formuliert Wolfgang Bauer im Off-Text des Filmes: Eine Wohnung zu finden, schuldenfrei zu werden, Arbeit zu haben. Zumindest den ersten Punkt haben beide Darsteller mittlerweile erreicht: Kirschbauer wohnt bei ihrem Freund in Thüringen, Bauer in einer Wohngemeinschaft. Auf dem Weg aus der Wohnungslosigkeit haben ihnen die Beratungsangebote und die Theatergruppe der Aufbaugilde geholfen. “Ich habe zum Beispiel früher sehr undeutlich gesprochen”, erzählt Bauer, der seit einigen Jahren in der Theatergruppe aktiv ist. “Mittlerweile kann ich mich besser ausdrücken.”

Die Theatergruppe der Aufbaugilde Heilbronn ist 2010 auf Initiative der Bewohnerschaft hin entstanden und trifft sich seither alle ein bis zwei Wochen. Schauspielerin Cosima Greeven coacht die Mitglieder mit Körperübungen und Sprechtraining. Die Teilnehmer entwickeln dadurch Selbstvertrauen und Mut, über die eigene Geschichte zu sprechen. “Außerdem arbeiten sie auf ein Ziel hin”, erzählt Heiko Grimmeis, der die Wohnangebote der Aufbaugilde koordiniert . Zurzeit arbeitet die Gruppe an dem Theaterstück “Die Heilbronner Stadtmusikanten”. Das Theaterprojekt wird in den kommenden drei Jahren von der Aktion Mensch finanziell gefördert.

Dass er mehr spielen könnte als nur die “Tatort”-Leiche, hat der ehemalige Bettler Bauer auf jeden Fall bewiesen.

 Quelle: www.stimme.de

Hier das Video von Hans Kühlwein / Untergruppenbach…

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