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Wohnungslosen auf ihren Wegen folgen

Theaterprojekt der Aufbaugilde – Gruppe studiert alternative Stadtführung ein – Premiere Ende Oktober

Von unserer Redakteurin

Ulrike Bauer-Dörr

HEILBRONN Rosenbergbrücke, Badstraße .Hier wird der ehemals wohnungslose Wolfgang Bauer (49) einmal

seinen selbst geschriebenen Text vortragen: „Der Platz unter der Brücke ist ein überdachter Übernachtungsort.

Er hat einen großen Vorteil: Man bekommt weder Regen noch Schnee ins Bett.“

Was witzig klingt, ist sarkastisch gemeint. Gerade deshalb werden seine Zuhörer eine Brücke künftig

vielleicht mit anderen Augen sehen. Sie ist eine von mehreren Stationen einer alternativen Stadtführung, die

eine fünfköpfige Gruppe von ehemals Wohnungslosen zurzeit im Rahmen eines Theaterprojekts vorbereitet.

Seit März wird geprobt.

Vier Männer und eine Frau bereiten sich auf eine völlig neue Rolle vor: Stadtführer sein. Texte vortragen,

zum Beispiel Biografien von Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, auf der Straße leben oder

in einer Obdachlosenunterkunft gelandet sind.

Die Aufbaugilde hat das spendenfinanzierte Projekt angestoßen. Gildechef Hannes Finkbeiner erklärt,

worum es inhaltlich geht. „Wir wollen die Wege nachgehen, die ein Wohnungsloser in unserer Stadt beschreiten

muss, um Hilfe zu bekommen. Das beantwortet auch die Frage,was ein Wohnungsloser den ganzen

Tag so treibt.“

Hilfen Start wird bei der Volkshochschule im Deutschhof sein, sie hat

im letzten Semester das ThemaWohnen aufgegriffen. Über die Innenstadtmit seinen Treffpunkten

für Wohnungslose geht es in die Wilhelmstraße. Dort hat die Gilde ihr Hilfezentrum: mit Wohnungslosenberatungsstelle, Sozialarbeitern, der Auszahlungsstelle von Tagesgeld, dem Frühstücks- und Aufenthaltsraum.

Übers betreute Wohnen in der Wacksstraße, wo Wohnungslosewieder ins bürgerliche Leben finden sollen, geht es nach eineinhalb Stunden zurück in die City.

Weil das Ganze ein Theaterprojekt ist, hat die Aufbaugilde mit Christian-Marten Molnar und Cosima Greeven zwei „echte“ Regisseure verpflichtet. Einfühlsam und geduldig arbeiten die beiden mit ihren fünf Theater- und Vortragslaien. Die müssen recht viel auswendig lernen. Jede Stunde beginnt mit Stimm- Sprech- und Konzentrationstraining. Sie üben, laut und deutlich zu sprechen, Hände und Körper einzusetzen, Hemmungen abzulegen. Es funktioniert. „Meine Scheu, vor anderen Menschen zu sprechen, ist weg“, sagt Ulli Lützow (56). Irina Kirschbauer (35) freut sich: „Ich war total schüchtern, jetzt habe ich mehr Selbstbewusstsein.“ Auch Raymund Schmid (51) und Frank Hübenbecker (52) loben die Regisseure:„Die sind echt geduldig und bringen uns viel bei.“

Für das Theaterprojekt sucht Gildechef Hannes Finkbeiner noch Sponsoren. Mit Mitteln aus der Aktion

Mensch ist es nur bis zum Jahresende gesichert.

Premiere

Wer bei der Stadtführung am 29. Oktober,17 Uhr, dabei sein möchte, meldet sich bei Heiko Grimmeis von der Wohnungslosenhilfe:

07131 9915931.

 

Die Regisseure Cosima Greeven (links) und Christian-Marten Molnar (rechts) proben

mit Wolfgang Bauer, Frank Hübenbecker, Raymund Schmid (hinten) sowie Ulli

Lützow und Irina Kirschbauer (vorne). Foto: Guido Sawatzki