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Theatergruppe der Wohnungslosenhilfe nimmt Interessiertebei einem etwas anderen Stadtspaziergang mit in ihre Welt

Von Stefanie Pfäffle

Ausweiskontrolle durch die Polizei: Vor dem Erfrierungsschutzhaus der Aufbaugilde im Lauerweg spielen die Akteure selbst erlebte Szenen nach. Die Texte dazu haben sie selbst geschrieben.

Raymund Schmid heißt die Gruppe am Sonntagnachmittag willkommen. “Sie sind leider zu früh dran, wir öffnen erst um 20 Uhr. Aber seien Sie rechtzeitig da, die Plätze sind schnell belegt.” Trotzdem dürfen die 16 Interessierten einen kurzen Blick in das Erfrierungsschutzhaus der Aufbaugilde im Lauerweg werfen. Danach sind sie froh, dass sie dieses Angebot wohl nie in Anspruch nehmen müssen. Es ist die erste Szene eines Stadtspaziergangs, den die Theatergruppe der Wohnungslosenhilfe Heilbronn gemeinsam mit ihren Coaches vom Kulturellen Zwischenraum entwickelt hat.

Der Titel der rund zweistündigen Aktion lautet: “Ohne Hilfe kommst du da nicht raus”. Genau das wollen die fünf Akteure mit ihren teils heiteren, teils mit schonungsloser Offenheit gespielten Szenen vermitteln.

Wolfgang Bauer, gelernter Bäcker, etwa, der in der selbst geschriebenen Szene “Im Park” seine Angst vor frechen Jugendlichen (Frank Hübenecker) skizziert, aber auch die Hilfe, die ihm in Person einer alten Dame (Irina Kirschbauer), eines Polizisten (Raymund Schmid) und eines Sozialarbeiters (Uli Lützow) entgegen gebracht wird. “Die Schauspieler wollen das Publikum mit in ihre Welt nehmen, es quasi in die Rolle eines Wohnungslosen versetzen”, erläutert Schauspielerin und Coach Cosima Greeven.

Vom Lauerweg geht es durch die Stadt zur Friedrich-Ebert-Brücke. Dort erzählt Kirschbauer, wie sie 2007 obdachlos wurde, nachdem sie sich gegen das Leben mit ihrer Familie in einer Sekte entschieden hatte. Eine Kassiererin des Freibads Neckarhalde, wo sie zum Duschen ging, sprach sie an, bot ihr Obdach und vermittelte den Kontakt zur Aufbaugilde. “Dreieinhalb Wochen konnte ich bei ihr wohnen. Sie wollte keinen Cent. Dafür werde ich ihr ewig dankbar sein”, so Kirschbauer.

Wohnungslose müssen gut zu Fuß sein. Weiter geht es zum Unterstützungszentrum UWI 26 in der Wilhelmstraße 26, wo Schmid schon darauf wartet, die Personalien aufzunehmen. Er erklärt das restliche Prozedere und die Hilfsangebote: wöchentliche Arztsprechstunden, Kleiderkammer oder die Möglichkeit, über die Aufbaugilde eine offizielle Adresse zu bekommen. Über 200 Klienten haben so eine Adresse. “Die Termine mit dem Jobcenter oder unseren Sozialpädagogen sind verbindlich, denn Zeit ist bei so vielen Hilfesuchenden kostbar”, meint er eindringlich.

Teufelskreis Unter der Rosenbergbrücke zeigt Bauer seinen ehemaligen Schlafplatz, Weckservice der Polizei inklusive, denn erlaubt ist Übernachten dort nicht. “Allein kommst du aus diesem Teufelskreis nicht raus, aber Hilfe kann man nur annehmen, wenn man vertraut”, gibt er zu. Letzter Halt ist das Aufnahmehaus der Gilde in der Wacksstraße. Hier herrschen strenge, scharf kontrollierte Regeln. Wer hier wohnen will, muss sich helfen lassen wollen.

Mit einem lustigen Sketch und einem Gedicht von Erich Kästner endet der etwas andere Stadtspaziergang. Die meisten gehen jetzt zurück in die schöne, eigene Wohnung. Andere träumen noch davon.

18. und 19. März, 15 Uhr. Karten (9 Euro) bei Veronika Hornung, 07131 770100

Irina Kirschbauer (rechts) erzählt an der Friedrich-Ebert-Brücke ihre Geschichte, die Bilder dazu zeigt Schauspielerin Cosima Greeven.Fotos: Stefanie Pfäffle